Offene Kinder- und Jugendarbeit in Krisenzeiten

Eine Arbeitshilfe des Kooperationsverbundes Offene Kinder- und Jugendarbeit (KV OKJA)

Hier auch als Link: https://www.hamm.de/owncloud/

Der Kooperationsverbund Offene Kinder- und Jugendarbeit (KV OKJA) hat sich im März 2016 mit dem Ziel gegründet, für eine bessere Sichtbarkeit und Vertretung des Feldes zu sorgen und eine Plattform für die fachliche Auseinandersetzung, Diskussion und Weiterentwicklung der OKJA in Deutschland zu schaffen.
Ausgehend von zwei Fachtagungen in Mannheim und Leipzig entstand 2018 ein erstes Positionspapier zum Selbstverständnis der OKJA. Dieses fand eine breite Aufmerksamkeit und Zustimmung in der bundesdeutschen Fachöffentlichkeit.
Seither haben sich unterschiedliche globale Krisen entwickelt, die weit in die Zukunft reichen werden und lange vorhergesagte bedrohliche Entwicklungen wirken sich inzwischen auch lokal aus. Vor diesem Hintergrund formierte sich 2019 auch in Deutschland die überwiegend von jungen Menschen getragene Bewegung Friday ́s for Future und erlangte durch Schulstreiks und öffentliche Demonstrationen schlussendlich politisches Gehör. 2020 erreichte die Covid-19-Pandemie Deutschland und zog bis in das Jahr 2022 erhebliche Einschränkungen des Alltags nach sich. Überlagert, begleitet und zugespitzt wurde diese Krise von einem Dürre-Sommer 2020, der Flutkatastrophe im Ahrtal im Sommer 2021, vom Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine seit Frühjahr 2022, dem Ausrufen der Zeitenwende und der mit dem Krieg verbundenen Energiekrise mit weitreichenden wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen.
Der Friday ́s for Future Bewegung und dem „Schule schwänzen“ wurde anfangs oftmals mit Häme begegnet. Junge Menschen mussten sehr nachdrücklich und in großer Zahl auf die Straße gehen, um mit ihrer
Sorge um eine lebenswerte Zukunft auf einem bewohnbaren Planeten in einer gerechteren Welt endlich ernst genommen und nicht im nächsten Halbsatz wieder verspottet zu werden. Die nachfolgenden und sich überlagernden Krisen, die vielen jungen Menschen große Sorge und Zukunftsangst bereiten oder ganz erhebliche, aufgrund ihrer Lebensphase auch nicht nachholbare, Einschränkungen nach sich zogen, zeigten dann vor Allem eines: junge Menschen werden in ihren Bedarfen nicht gesehen. Sie werden eher auf eine defizitäre Weise oder  vor allem als Humankapital wahrgenommen, statt als von Krisen betroffene Subjekte mit umfassenden Rechten auf Gehör und Beteiligung. Die wiederholten Reduktionen, die junge Menschen in den vorangegangenen und aktuellen Krisen erfahren, belasten Junge Menschen zusätzlich – sie begünstigen Erfahrungen von Ohnmacht und Sprachlosigkeit und widersprechen den von der Bundesregierung bspw. im 16. Kinder- und Jugendbericht formulierten Zielen zur politischen Bildung und Selbstbestimmung.
Kinder- und Jugendarbeit macht(e) die jungen Menschen zu ihrem Ausgangspunkt! Sie sieht sie, hört sie, beteiligt sie, tritt für sie und ihre Rechte ein! Sie begleitet junge Menschen bei persönlichen Krisen und
Konflikten,  versteht  diese  aber  auch  als  Bildungsanlässe,  an  denen  die  jungen  Menschen  wachsen  und reifen können. So hält insbesondere die Offene Kinder- und Jugendarbeit jene Gelegenheits- und Erfahrungsräume vor, die junge Menschen resilient, handlungs- und sprachfähig machen können und geeignet sind, erlebter Missachtung und Ohnmacht entgegenzuwirken.
Kinder- und Jugendarbeit kennzeichnet eine hohe Flexibilität, das hat sie gerade in Krisenzeiten wie den genannten immer wieder bewiesen. Sie ist aber auch in hohem Maß herausgefordert, über und trotz all
diesem Da-sein und Unterstützen, (politisch) Position zu halten, ihren Platz zu bestimmen und immer wieder gefährdet, ihr spezifisches Profil und damit ihre feldeigenen Potentiale zu verlieren.
Dies war Anlass für ein Fachtreffen des KV-OKJA im Winter 2022. Es schien an der Zeit, sich zu vergewissern, wo die OKJA ihren Platz hat, zwischen all den Stühlen. Vor diesem Hintergrund hat der Steuerungskreis des  KV  OKJA  das  Positionspapier  von  2018  bearbeitet  und  punktuell  neu  gefasst.  Hiermit wird es einer breiteren Fachöffentlichkeit zur Diskussion gestellt. Dabei sollen vor allem die Fachkräfte und Trägervertreter*innen ein Werkzeug erhalten, das sie bei ihrer Selbstpositionierung und der Vertretung der OKJA nach außen unterstützt.

 

 

  1. Offene Kinder- und Jugendarbeit ist ein Ort für alle jungen Menschen

Fachliche Positionierung: Offene Kinder- und Jugendarbeit setzt sich für die Interessen und Bedarfe aller jungen Menschen ein, für Mädchen und Jungen, für junge Menschen unterschiedlicher sexueller Orientierungen und geschlechtlicher Identitäten, verschiedener kultureller und religiöser Milieus, für junge Menschen mit und ohne Behinderung und unterschiedlicher sozialer Schichten. Die Jugendphase hat sich entgrenzt: Jugendtypische Themen und Entwicklungsschritte haben sich altersmäßig nach vorne und der Einstieg in ein ökonomisch eigenständiges Leben zugleich erheblich nach hinten verlagert. Die gegenwärtige von Krisen geprägte ‘Welt-Situation’ belastet junge Menschen in dieser potentiell vulnerablen Situation in hohem Maße. Es ist davon auszugehen, dass der Bedarf an biographischer Orientierung und Unterstützung, an entlastenden Orten, an nicht-kommerziellen jugendkulturellen Angeboten bei allen jungen Menschen – sowohl in der Gruppe der jüngeren und älteren Jugendlichen als auch bei jungen Erwachsenen – hoch ist.

Wie halte ich OKJA für diese unterschiedlichen Bedarfe und Gruppen offen? Indem ich

  • informiert bin, welche Gruppierungen junger Menschen im sozialräumlichen Umfeld leben und
    wie sie orientiert sind.
  • aktiv Zugänge zu den jungen Menschen suche, die ich (noch) nicht erreiche.
  • Zugänge/Settings gestalte, die unterschiedlichen Interessen und Bedürfnissen gerecht werden.
  • Zugehörigkeit durch Gelegenheiten zu Aneignung, Identifikation und Beziehung ermögliche und darauf achte, ausgrenzender Wirkung gegenüber anderen jungen Menschen gezielt entgegenzusteuern.
  • Räume für diversitäts- und differenzsensible Reflexion schaffe.
  • mich flexibel zwischen vorstrukturierten Angeboten und dem Aufgreifen dessen, was an Themen und Bedarfen mitgebracht wird, bewegen kann.

 

Was ist der gesellschaftliche Mehrwert?
Es entstehen Orte, die niederschwellig zugänglich sind, weil junge Menschen selbst steuern können, worauf sie sich wie einlassen.

Es entstehen Orte, an denen unterschiedliche Themen, Anliegen, Belastungen, aber auch verdeckte politische Themen frühzeitig wahrgenommen, aufgegriffen und bearbeitet werden können.

Die Vereinzelung junger Menschen wird aufgebrochen und Vereinsamung wird entgegengewirkt.

Junge Menschen lernen mit Differenz, Konflikten und unterschiedlichen Interessen (entspannter) umzugehen. Ihre Ambiguitätstoleranz wird gefördert und damit eine wichtige Kernkompetenz für eine demokratische Gesellschaft.

2. Offene Kinder- und Jugendarbeit ist (auch in Krisenzeiten) ein eigenständiger Sozialisationsort
Fachliche Positionierung: Offene Kinder- und Jugendarbeit versteht sich auch und gerade in Krisenzeiten als eigenständiger Sozialisationsort, der junge Menschen in den anspruchsvollen Prozessen des Aufwachsens begleitet, Orientierung vermittelt, umfassend Beteiligung ermöglicht und zumutet sowie Subjektbildungsprozesse befördert. Sie ist dabei ein Ort, an dem ohne Leistungsdruck und ohne (schul- und arbeitsmarktorientierte) Verwertungslogiken eigene Interessen erkannt und verfolgt werden können. Junge Menschen können hier auch mit eigensinnigen Vorstellungen experimentieren und gesellschaftliche Erwartungen und Bedingungen in Frage stellen.

Wie sorge ich als Fachkraft dafür, dass OKJA ein eigenständiger Sozialisationsort ist? Indem ich

  • meine Arbeit konsequent an den Bedarfen und Interessen der jungen  Menschen  ausrichte  und ordnungspolitische oder schulbezogene Aufträge von außen zurückweise.
  • mich klar und parteilich für die Anliegen junger Menschen positioniere.
  • lebensweltliche und gesellschaftliche Themen, Zukunftsängste,  Belastungen  und  Bewältigungsherausforderungen der modernen (Krisen-)Gesellschaft, die von jungen Menschen selten explizit
    benannt, aber implizit verhandelt, angesprochen oder auch provokativ aufgeworfen werden, aufgreife.
  • ‘nicht belehrende’ Resonanzen entwickle.
  • junge Menschen ganzheitlich, nicht nur als Schüler*innen und zukünftige Arbeitnehmer*innen, in den Blick nehme. Gesellschaftliche Normalitäts- und Anpassungserwartungen, denen junge Menschen ausgesetzt sind, hinterfrage ich kritisch.
  • mich informiere und mich zu aktuellen gesellschaftspolitischen Themen, die junge Menschen betreffen, positioniere.
  • Räume schaffe, in denen Generationenkonflikte bearbeitet werden können. Ich setze mich mit meinen eigenen Haltungen, meinem eigenen Verhalten und dem Blick von jungen Menschen auf
    ihre Elterngeneration auseinander.
  • sichere Aushandlungs- und Erfahrungsräume schaffe, in denen junge Menschen auch in Krisenzeiten ernst genommen, sprachfähig und wirksam werden können. Wo nötig, stelle ich weitere Zugänge und Hilfen zur Verfügung.
  • öffentlich und parteilich auf die Herausforderungen, Belastungen und Reduktionen aufmerksam mache, denen junge Menschen im Kontext sich überlagernder Krisen ausgesetzt sind.

Was ist der gesellschaftliche Mehrwert?
OKJA hat  keinen Lehrplan und bietet  jungen Menschen einen niederschwellig zugänglichen Raum, Antworten auf Orientierungs- und Identitätsfragen zu finden, aber auch mit Belastungen, Zukunftsängsten,
unverarbeiteten Krisenerfahrungen umzugehen – in diesem Sinne ist sie ein Ort der Prävention.
Krisen können in den Räumen der OKJA frühzeitig erkannt, teilweise verhandelt, kompensiert oder in andere Hilfesysteme vermittelt werden.
Die OKJA bietet sichere Räume,  in denen Kontakte und Beziehungen stabilisiert, Sprachfähigkeit entwickelt und Ängste besprechbar werden.

3. Offene Kinder- und Jugendarbeit ist ein selbstbestimmter Freiraum
Fachliche  Positionierung:  Junge Menschen brauchen neben den die  Lebensphase  stark  bestimmenden Institutionen Schule, Ausbildung und  Hochschule unverzweckte  und selbstbestimmte Freiräume. Es  bedarf Phasen des „Nichts-Tun-Müssens“, des Innehalten-Könnens, des spielerischen, kreativen oder sportlichen  Tuns,  der  Begegnung  und  Vergemeinschaftung  mit  Gleichaltrigen,  des  freiwilligen  und  selbstbe-
stimmten Verfolgens, Entwickelns von Visionen/Perspektiven, Gedanken und Werten und der Auseinandersetzung mit eigenen Interessen, Vorstellungen und krisenhaften Erfahrungen. Solche Freiräume sind
für die Entwicklung eigener Ideen, Orientierungen und Fähigkeiten zur Verarbeitung von Erfahrungen und Entwicklungsanforderungen der Lebensphase Kindheit und Jugend und mit Blick auf ungewisse Zukunftsperspektiven  zentral.  Offene Kinder- und Jugendarbeit versteht sich als ein solch unverzweckter und selbstbestimmter Freiraum. Die gegenwärtigen Krisen haben gezeigt, wie langanhaltende) Belastungen steigen, wenn junge Menschen nur über ihr schulisches Weiterkommen  definiert  und  (politische)  Entscheidungen entsprechend getroffen werden und solche Freiräume in der Lebenswelt junger Menschen entfallen.

Wie sichere ich OKJA als einen selbstbestimmten Freiraum? Indem ich

  • respektiere, dass junge Menschen diesen Freiraum brauchen, nicht ständig ‚pädagogisch adressiert‘ werden wollen und mich in Zurückhaltung übe – was keineswegs heißt, junge Menschen sich
    selbst zu überlassen.
  • den Offenen Betrieb als zentralen und unabdingbaren Bestandteil meiner Arbeit auch nach außen markiere.
  • Augen und Ohren offenhalte für das, was in diesen Freiräumen von jungen Menschen an Bedarfen und Wünschen sowie an Belastungen und Konflikten thematisiert wird und diese respektvoll aufgreife.
  • Chillen und vermeintliches Nichts-Tun aushalte und als zentrale jugendkulturelle, gemeinschaftliche Praxis anerkenne und dies auch nach außen vertrete.
  • Freiräume schütze und bewahre – z.B. meine Einrichtung als schul- und ausbildungsentlasteten FreiRaum ‘verteidige’ – und schulische Themen dann bearbeite, wenn sie von den jungen Menschen zum Thema gemacht werden.

Was ist der gesellschaftliche Mehrwert?
Junge Menschen machen die Erfahrung, dass sie anerkannter Teil dieser Gesellschaft sind; auch ohne ‚Leistungen‘ zu erbringen.

Junge Menschen erhalten Raum und Zeit, nichtschulische, biographische und gesellschaftliche Themen zu bewegen und Identitätsarbeit zu leisten.

Es entsteht ein Raum, auch persönliche oder gesellschaftlich belastende und verletzende Erfahrungen zu thematisieren, zu reflektieren und mit Unterstützung von Fachkräften zu bearbeiten (z.B. Diskriminierung,
Schulstress, Zukunftsängste usw.).

Belastungen werden in einem unverzweckten, offenen Raum häufig überhaupt erst sichtbar, so dass OKJA frühzeitig reagieren kann.

4. Offene Kinder- und Jugendarbeit ist ein (Erfahrungs-) Raum gelebter Demokratie
Fachliche Positionierung: Offene Kinder- und Jugendarbeit versteht sich als Erfahrungsraum gelebter Demokratie. Sie erkennt alle jungen Menschen als vollwertige (mündige) Gesellschaftsmitglieder und als Träger*innen von Rechten an. Sie sichert ihre Teilnahme und Teilhabe an Gesellschaft, gibt aber auch Raum, bestehende gesellschaftliche Normen und Entwürfe zu diskutieren und einzuordnen. In diesem Sinne gestaltet sie ihre Institutionen und ihren Alltag konsequent demokratisch-aushandlungsorientiert. Sie trägt mit den Heranwachsenden, aber auch mit der Kommune, ihren Bürger*innen, ihrer Politik und Verwaltung, sowie mit Trägern Konflikte aus und verankert Selbst- und Mitbestimmungsrechte strukturell und vor Ort. Mit ihrem gesetzlichen Auftrag (§ 11 SGB VIII) und ihren Strukturcharakteristika der Freiwilligkeit und Offenheit ist sie wie kein anderes Handlungs- und Sozialisationsfeld geeignet, junge Menschen in ihren Selbstbestimmungsanliegen und ihrem politischen Handeln zu unterstützen. Sie trägt damit (gerade auch in Krisenzeiten) dazu bei, dass sich junge Menschen als wertvolle Gesellschaftsmitglieder anerkannt sehen.

Wie organisiere ich OKJA als einen (Erfahrungs-) Raum gelebter Demokratie? Indem ich

  • den Alltag von Jugendarbeit und die sich hier stellenden Fragen gemeinsam und aushandlungsorientiert mit  jungen  Menschen  bearbeite  –  von  der  Frage  der  Angebots-  und  Raumgestaltung
    über  die  im  Jugendtreff  geltenden  Regeln  bis  zu  strukturellen  Grundsatzthemen,  B.  die Frage wie Strom eingespart werden kann, ohne dass der Betrieb reduziert wird.
  • dialogisch kläre und transparent mache, welche Rechte und Beteiligungsmöglichkeiten junge Menschen in Jugendarbeit und Kommune haben und wie sie diese einlösen können, Partizipation
    damit strukturell verankere.
  • das Handeln junger Menschen – auch das konflikthafte, im Widerspruch zu aktuellen Normvorstellungen stehende – als Gesprächsangebot und Partizipationsversuch identifiziere und die darin liegenden Themen und Bedarfe ernst nehme und aufgreife.
  • ein differenziertes und weites Politik-, Partizipations- und Ehrenamtsverständnis pflege und junge Menschen, welche  sich  punktuell,  anlass-  und  alltagsbezogen  oder  jugendspezifisch  einbringen (z.B. als Thekenhelfer*in oder über ihre Diskriminierungserfahrung rappend) als ehrenamtlich Tätige oder gesellschaftspolitisch Interessierte anerkenne. Nur so können sie sich selbst als solche ‚erkennen‘.
  • Jugendarbeit als Raum gelebter Demokratie und junge Menschen als Ehrenamtliche und gesellschaftspolitisch Interessierte öffentlich sichtbar mache.
  • junge Menschen als Autor*innen der eigenen Narrationen ernst nehme und das Sprechen- über ihre Lebenswelt als Teil politischer Bildung und  gesellschaftlicher  Teilhabe    Junge
    Menschen dürfen ihre Geschichte erzählen und sind Teil dieser Gesellschaft.

Was ist der gesellschaftliche Mehrwert?
Junge Menschen erfahren, dass ihre Stimme (anders als zumeist in anderen institutionellen Kontexten) zählt und sie auf das Einfluss nehmen können, was sie betrifft. Sie zu beteiligen wird erst mit dieser Erfahrung zu etwas subjektiv Sinnvollem.

Junge Menschen sammeln Erfahrungen im demokratischen Handeln und erleben in konkreten Auseinandersetzungen mit den sie betreffenden (gesellschaftlichen) Themen demokratische Prozesse.

Junge Menschen lernen sich zu positionieren, eigene Vorstellungen zu  entwickeln, Kompromisse zu schließen und Verantwortung für sich und andere zu übernehmen.

Das vermeintlich Private – Diskriminierungserfahrungen, schulische, kriegs-  oder  klimabedingte  Belastungen – erfährt eine entlastende ‚Übersetzung‘ in gesamtgesellschaftliche Kontexte.

Junge Menschen fühlen sich weniger ohnmächtig, stärker als Teil von Gesellschaft und sind weniger anfällig für vermeintlich ‚einfache‘, relativierende oder unwahre Erklärungen.

Die umfassende Partizipation in der OKJA kann dazu beitragen, die Anliegen junger Menschen artikulierbar und der politischen und gesellschaftlichen Debatte zugänglich zu machen.

5. Offene Kinder- und Jugendarbeit nimmt an den digitalen Lebenswelten junger Menschen teil
Fachliche Positionierung: Digitale Medien und Netzwerke sind in wachsendem Maße Teil der Lebenswelt und des Alltages junger Menschen. Im Sinne lebensweltorientierten und partizipatorischen Arbeitens ist ihre Nutzung notwendiger und selbstverständlicher Bestandteil Offener Kinder- und Jugendarbeit. Nicht zuletzt der mit der Pandemie-Bekämpfung verbundene ‚Digitalisierungsschub‘ hat gezeigt: Die Einbeziehung digitaler Räume eröffnet (neue) Möglichkeiten der Öffentlichkeitsarbeit, der Kontakt- und Beziehungspflege sowie der  Vergemeinschaftung, der Beratung und Informationsbeschaffung, der  kreativen und jugendkulturellen Arbeit, der politischen Einmischung und Bildung. Einen (auch kritischen) Umgang mit digitalen Medien können  sich  junge  Menschen  über  eine  anwendungsorientierte  und  in  den  Alltag Offener Kinder- und Jugendarbeit eingebettete Auseinandersetzung mit den Chancen und Risiken aneignen.

Wie beziehe ich auch digitale Lebenswelten junger Menschen ein? Indem ich

  • die digitalen Lebenswelten meiner Adressat*innen kenne und mich über aktuelle Entwicklungen informiere.
  • mein Angebot in digitalen Lebenswelten kommuniziere und hier Kontakt in einem professionellen und kinderschutzkonformen Rahmen und in adäquater Taktung anbiete.
  • Teile meines Vorhalte-Angebots in diesen digitalen Welten verorte.
  • meine Voice-Funktion auch in den digitalen Lebenswelten junger Menschen nutze.
  • die besonderen Vorteile zur Beteiligung und Entscheidungsfindung, welche digitale Tools bieten, nutze.
  • die Grenzen der Teilhabemöglichkeiten junger Menschen an der digitalen Informationswelt und der Welt digitaler Vergemeinschaftung auslote und Teilhabe eröffne, wo Zugänge verstellt sind.
  • junge Menschen auf Chancen und Risiken in ihren digitalen Lebenswelten aufmerksam mache.
  • meinen Träger/die verantwortliche Kommune auffordere, technische und rechtliche Grauzonen auszuloten, sowie praxisnahe, pädagogisch sinnvolle Lösungen und entsprechende Datenschutzrichtlinien in Auseinandersetzung mit Fachkräften der Offenen Kinder- und Jugendarbeit zu entwickeln.

Was ist der gesellschaftliche Mehrwert?
Kinder- und Jugendarbeit erreicht junge Menschen mit ihren kreativen und jugendkulturellen Präferenzen, die bisher nicht angesprochen werden konnten.

Junge Menschen werden ganzheitlich aufsuchend in ihren Lebenswelten erreicht und erhalten ein Kontaktangebot, wenn sie das möchten.

Diskriminierung, Fehlinformationen, Fake-News können aufgegriffen  und sowohl im digitalen als auch analogen Raum thematisiert werden.
Jugendarbeit tritt für Teilhabegerechtigkeit auch im digitalen Raum ein.

6. Offene Kinder- und Jugendarbeit ist für junge Menschen im Sozialraum verantwortlich
Fachliche Positionierung: Der Auftrag von Mitarbeitenden der OKJA endet nicht an der Einrichtungstür, dies ist nicht erst seit den Schließungen in der Pandemie fachlicher Konsens. Offene Kinder- und Jugendarbeit sieht in den Interessen und Bedarfen junger Menschen in ihrem jeweiligen Einzugsgebiet den Ausgangspunkt ihres fachlichen Handelns. In diesem Sinne versucht sie, Interessen und Bedarfe junger Menschen in ihrem Einzugsgebiet in Erfahrung zu bringen. Sie  behält  im Blick, wo Ausschluss- und Verdrängungsprozesse in und außerhalb der Einrichtung stattfinden und mischt sich ein. Sie zielt darauf ab, ihre
Arbeit im Dialog mit jungen Menschen stetig weiterzuentwickeln und zu organisieren. In einem erweiterten Verständnis von Sozialraum richtet  die  OKJA ihren Blick  auf  die  Gleichzeitigkeit von territorialen, gegenständlichen und digitalen Räumen. OKJA versteht sich als Expertin für Jugendfragen und als Lobby für Junge Menschen im Sozialraum. Sie übernimmt eine Moderationsfunktion im Einzugsgebiet und eine Beratungsfunktion gegenüber der Kommune und relevanten Trägern.

Wie eröffne ich Aneignungsmöglichkeiten und arbeite sozialraumorientiert? Indem ich

  • die Ermittlung der Themen und Bedarfe junger Menschen im analogen und digitalen Raum als fortwährende Analyse- und Konzeptionierungsaufgabe in meiner Arbeit verankere.
  • Angebote nicht für, sondern – ausgehend von ihren Vorstellungen – gemeinsam mit jungen Menschen entwickle  und  so  vielfältige  Möglichkeiten  eigentätiger  Aneignung  und  Lernprozesse  eröffne.
  • Interessen und Perspektiven junger Menschen in kommunalpolitische Diskussionen und Entscheidungsprozesse einbringe, diesen dadurch Gehör verschaffe und für eine Erweiterung von Aneignungs- und Mitgestaltungsmöglichkeiten junger Menschen im kommunalen Raum einstehe.
  • als Übersetzer*in und Vermittler*in agiere und für Erwachsene/ Kommunalpolitik unverständliche Äußerungen und Verhaltensweisen junger Menschen bei Bedarf „übersetze und moderiere“ und damit auch einer Stigmatisierung und Pathologisierung junger Menschen entgegenwirke.
  • Konflikte im Sozialraum wahrnehme, diese als Ausdruck politischer Prozesse und Äußerungen einordne, dazu  beitrage  Dissense  sichtbar  und  demokratisch  besprechbar  zu machen und damit
    Macht- und Ohnmachtserfahrungen von jungen Menschen thematisiere.

 

Was ist der gesellschaftliche Mehrwert?
Fachkräfte können als Seismographen gesehen werden, die das Ohr an den jungen Menschen haben und einschätzen können, was sie belastet, was ihre je aktuellen Themen und Bedarfe sind und wie sie erreicht werden können.

Es wird für junge Menschen möglich, eigene Anliegen zu erkennen und zu artikulieren.

Es werden alltagsbezogene Erfahrungen von demokratischer und politischer Bildung möglich, die anlassbezogen und lebensweltlich eingebettet sind.

Junge Menschen erkennen Zusammenhänge zwischen der eigenen Lebenssituation und den gesellschaftlichen Bedingungen.

(Kommunal)Politik wird zu etwas Fassbarem, das auch mit mir zu tun hat.

Junge Menschen erfahren den kommunalpolitischen Raum als  gestaltbar. Dies erhöht die Wahrscheinlichkeit,  dass sie  Interesse  und  Bereitschaft entwickeln,  sich  auch  weitergehend  an  der  Gestaltung  ihre Sozialraumes und von Kommunalpolitik zu beteiligen.

Offene Kinder- und Jugendarbeit kommt dadurch ihrem gesellschaftlichen Auftrag nach, junge Menschen zur Selbstbestimmung, zu gesellschaftlicher Mitverantwortung sowie zu sozialem Engagement befähigt.

7. Offene Kinder- und Jugendarbeit ist Teil und Akteur*in einer eigenständigen Jugendpolitik
Fachliche Positionierung: Die Interessen und Themen, die junge Menschen mit in die Kinder- und Jugendarbeit bringen, sind immer auch durch lebensweltliche und sozialräumliche, bzw. kommunalpolitische Bezüge  geprägt.  In diesem Sinn fällt ihr die Aufgabe zu, dafür Sorge zu tragen,  dass  junge  Menschen  ihre Interessen und Ansprüche in die gesamte Entwicklung einer Kommune etc. einbringen können. Vor dem Hintergrund  der  demographischen  Entwicklung  und  einem  schrumpfenden  Anteil  junger  Menschen, wächst  zum  einen  die  Notwendigkeit,  den  Anliegen  und  Perspektiven  junger  Menschen  Gehör  zu  verschaffen. Zum anderen sollte zukunftsorientierten, modernen Gemeinden, Kommunen und Landkreisen Kooperationsverbund Offene Kinder- und Jugendarbeit deutlich werden, dass sie ein gesteigertes Interesse an einer hohen Attraktivität ihres Gemeinwesens für junge Menschen entwickeln müssen. Voraussetzung hierfür ist ihre unmittelbare und verbindliche Einbeziehung junger Menschen in alle gesellschaftlichen Entwicklungsmaßnahmen bis hin zu einer eigenständigen Jugendpolitik. Dementsprechend müssen Themen wie Partizipation, Sozialraumorientierung sowie Stadt-  und  Gemeindeentwicklung wieder  bzw.  noch stärker als Leistungen der Offenen  Kinder-  und  Jugendarbeit umgesetzt und akzeptiert werden.

Wie positioniere ich mich als Akteur*in einer eigenständigen Jugendpolitik? Indem ich

  • eine authentische, förderliche Haltung zur OKJA, ihrem Wirken und ihren Wirkungen habe. Ich erkenne sie als eigenständiges Arbeitsfeld, weiß um ihre Bedeutung und Beachtung.
  • mich meiner Haltung vergewissere und so in der Lage bin, passende Methoden zur Erreichung meiner Ziele kennenzulernen und einzusetzen.
  • an der Schnittstelle zur politischen (Jugend-) Bildung arbeite und Erkenntnisse und Methoden aus dem Arbeitsfeld nutze.
  • mich nicht nur in meinem Sozialraum mit anderen Unterstützer*innen vernetze und gemeinsam mehr für junge Menschen erreiche.
  • die Interessen von jungen Menschen in direkter und indirekter Form in die örtliche Jugendhilfeplanung und die Qualitätsentwicklung einbringe.
  • an der Strategie eigenständiger Jugendpolitik vor Ort mit und durch junge Menschen mitarbeite.

Was ist der gesellschaftliche Mehrwert?
Junge Menschen erfahren sich als selbstwirksam und bedeutsamen Teil einer Kommune, bzw. ihres Sozialraumes.

Selbstwirksamkeitserfahrungen sind ein wesentlicher Teil der Persönlichkeitsentwicklung und Grundlage für positive Demokratieerfahrung und –lernen.

Positive Demokratie- und Beteiligungserfahrungen befördern die intrinsische Motivation und sind stärkster  Motor  zur  Beteiligung  und  Einmischung,  auch  gegen  Widerstände  und  Grundlage  für  eine  positive Identifikation mit einer demokratischen Gesellschaft.

Studien belegen: Einbindung statt Ausgrenzung verhindert  Extremismus, da durch positive Erfahrungen das Fremde keine Angst mehr macht.

 

Junge Menschen, die sich als Bürger:innen ernst genommen und beteiligt und nicht nur auf ihr Schüler*innensein reduziert sehen ermöglicht die Gleichzeitigkeit von inhaltlicher und emotionaler Bindung an die Kommune. Eine „junge“ Kommune hat damit auch Vorteile gegenüber anderen Standorten.

 

Bild: Norbert Braun/unsplash.com

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