Positionierung: Radikalisierung ist ein Symptom – fehlender Teilhabe die Ursache

Radikalisierung als strukturelle Herausforderung

Radikalisierung und antidemokratische Einstellungen unter jungen Menschen nehmen seit Jahren deutlich zu. Aktuelle Studien zeigen, dass insbesondere junge Erwachsene in wachsendem Maße rechtsextreme und demokratiefeindliche Positionen vertreten. Der MOTRA‑Monitor 2024/25 weist darauf hin, dass mehr als ein Drittel der jungen Generation offen oder manifest rechtsextreme Einstellungen zeigt¹. Auch die Leipziger Autoritarismus‑Studie 2025 belegt, dass junge Erwachsene deutlich häufiger rechtsextreme Weltbilder vertreten als andere Altersgruppen².

Diese Entwicklung ist kein Randphänomen und kein individuelles Versagen einzelner Jugendlicher. Sie ist Ausdruck tiefgreifender gesellschaftlicher Spannungen. Radikalisierung entsteht dort, wo junge Menschen Ausgrenzung erfahren, keine Anerkennung finden, sich (politisch) machtlos fühlen und nach Orientierung, Sinn und Zugehörigkeit suchen. Extremistische Akteur*innen knüpfen gezielt an diese Erfahrungen an – insbesondere in digitalen Räumen, die nachweislich zentrale Orte von Radikalisierungsprozessen geworden sind³, aber auch durch direkte persönliche Ansprache im Lebensumfeld junger Menschen.

Wer Radikalisierung wirksam begegnen will, muss daher dort ansetzen, wo Teilhabe, Anerkennung und demokratische Erfahrung ermöglicht werden.

 

Offene Kinder- und Jugendarbeit wirkt, bevor Radikalisierung greift

Die Offene Kinder- und Jugendarbeit (OKJA) ist ein zentrales Handlungsfeld demokratischer Sozialisation. Sie arbeitet freiwillig, niedrigschwellig, lebensweltorientiert und kontinuierlich. Dadurch erreicht sie auch junge Menschen, die durch formale Bildungs- und Beteiligungssysteme nicht mehr erreicht werden.

OKJA versteht sich als menschenrechtskonformes und demokratisches Arbeitsfeld. Sie begegnet jungen Menschen mit Offenheit und Akzeptanz, ohne extremistischen Ideologien Raum zu geben. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass OKJA Schutz- und Lernräume schafft, in denen demokratische Werte nicht abstrakt vermittelt, sondern praktisch erfahren werden – durch Mitbestimmung im Alltag, durch tragfähige

Beziehungen, durch Aushandlung von Konflikten und durch die Anerkennung von Vielfalt⁴. In diesen Räumen können menschenfeindliche, antidemokratische oder radikale Einstellungen aufgegriffen, reflektiert und bearbeitet werden, bevor sie sich verfestigen⁵. Die Stärke der OKJA liegt in ihrer langfristigen Beziehungsarbeit, ihrer Verlässlichkeit und ihrer Präsenz im Alltag junger Menschen. Damit unterscheidet sie sich grundlegend von kurzfristigen Präventionsprojekten oder primär sicherheitsorientierten Ansätzen.

 

Demokratie lernt man durch Beteiligung

Eine stabile und resiliente Demokratie ist auf aktive Beteiligung angewiesen. Junge Menschen müssen frühzeitig erfahren, dass ihre Perspektiven zählen und sie gesellschaftliche Prozesse mitgestalten können. Klassische Beteiligungsformate wie z.B. Jugendparlamente erreichen jedoch häufig nur eine politisch bereits interessierte Minderheit.

OKJA eröffnet Beteiligungsräume jenseits formalisierter Strukturen: niedrigschwellig, barrierefrei und lebensweltlich angebunden. Sie ermöglicht auch jenen jungen Menschen demokratische Teilhabe, die von politischen Entscheidungsprozessen sonst ausgeschlossen bleiben. Wer Demokratie praktisch erlebt, entwickelt politische Handlungskompetenz, erfährt Selbstwirksamkeit und ist weniger anfällig für extremistische und antidemokratische Narrative.

Radikalisierung ist kein individuelles Problem, sondern eine gesellschaftliche Aufgabe. Die Offene Kinder- und Jugendarbeit leistet einen unverzichtbaren Beitrag zur Stärkung von Demokratiefähigkeit, Resilienz und sozialem Zusammenhalt.

 

Demokratische Infrastruktur braucht verlässliche Strukturen

Diesen Auftrag kann die OKJA nur erfüllen, wenn sie politisch anerkannt und strukturell abgesichert ist. In Nordrhein-Westfalen ist die Offene Kinder- und Jugendarbeit trotz ihrer zentralen Bedeutung chronisch unterfinanziert. Knappe kommunale Haushalte, projektbezogene Förderlogiken und dadurch prekäre Beschäftigungsverhältnisse gefährden Kontinuität, Qualität und Wirksamkeit der Arbeit. Gleichzeitig werden hochkomplexe gesellschaftliche Problemlagen – Radikalisierung, Polarisierung, soziale Spaltung – auf unzureichend ausgestattete Einrichtungen verlagert. Dies steht im deutlichen Widerspruch zum gesetzlichen Auftrag der Jugendarbeit gemäß § 11 SGB VIII, junge Menschen zu Selbstbestimmung, gesellschaftlicher Mitverantwortung und demokratischer Teilhabe zu befähigen⁶. Demokratiebildung ist also keine freiwillige Zusatzaufgabe. Sie ist Kernauftrag der Offenen Kinder- und Jugendarbeit und ein zentraler Schutzfaktor für den Erhalt der Demokratie. Sie gelingt nicht beiläufig, sondern braucht verlässliche Orte, qualifizierte Fachkräfte und dauerhafte Strukturen.

 

Unsere Forderungen

Die LAG Kath. OKJA NRW e.V. fordert Bund, Land und Kommunen auf, die Offene Kinder- und Jugendarbeit als festen Bestandteil demokratischer Infrastruktur anzuerkennen und entsprechend auszustatten:

  1. Dauerhafte, auskömmliche und krisenfeste Finanzierung der OKJA
    statt der Übertragung zunehmend komplexer gesellschaftlicher Problemlagen auf strukturell unterfinanzierte Einrichtungen.
  2. Verbindliche personelle, fachliche und strukturelle Absicherung
    als Voraussetzung für kontinuierliche Beziehungsarbeit, wirksame Prävention und Demokratiebildung.
  3. Stärkung von Jugendbeteiligung jenseits formalisierter Beteiligungsformate
    Beteiligung muss niedrigschwellig, barrierefrei und lebensweltlich sein. Auch sogenannte bildungsferne junge Menschen haben ein Recht auf Mitwirkung.

 

Wer mitgestalten kann, erlebt sich als selbstwirksam. Wer Demokratie erlebt, schützt sie.

 

Köln, 30. April 2026

 

Literaturverzeichnis

  1. Bundeskriminalamt (BKA) et al. (2024): MOTRA‑Monitor 2024/25. Entwicklungen und Dynamiken politisch motivierter Radikalisierung. Wiesbaden.
  2. Decker, O. / Kiess, J. / Brähler, E. (2025): Die Leipziger Autoritarismus‑Studie 2025. Rechtsextreme und demokratiefeindliche Einstellungen in Deutschland. Leipzig.
  3. Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft (IDZ) (2023): Radikalisierung im digitalen Raum. Herausforderungen für Prävention und politische Bildung. Jena.
  4. Rauschenbach, T. / Böhnisch, L. (2017): Offene Kinder- und Jugendarbeit. Grundlagen, Konzepte, Wirkungen. Weinheim/Basel: Beltz Juventa.
  5. Thiersch, H. (2014): Lebensweltorientierte Soziale Arbeit. Grundlagen – Perspektiven – Kritik. Weinheim/Basel: Beltz Juventa.
  6. Sozialgesetzbuch Achtes Buch (SGB VIII) – Kinder- und Jugendhilfe, § 11 Jugendarbeit.

 

 

Unsere Positionierung als pdf: Stellungnahme_Radikalisierung_ist_Symptom

 

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