Eine Studie liefert Impulse für Praxis und fachpolitische Argumentation
Das Buch „Hätte es Euch nicht gegeben, wäre mein Leben (vielleicht) anders verlaufen“ bündelt die Ergebnisse einer qualitativen Studie zur biografischen Bedeutung der Offenen Kinder- und Jugendarbeit (OKJA). Ausgangspunkt sind Fallstudien ehemaliger Nutzer*innen, die rückblickend ihre Erfahrungen mit „ihrem“ Jugendzentrum beschreiben. Der Fokus liegt dabei nicht auf messbaren Outputs, sondern auf subjektiven Bedeutungen und lebensgeschichtlichen Einordnungen.
Zentrale Ergebnisse
Die Studie macht deutlich, was Wissenschaft und Fachkräfte schon lange vermuten: OKJA entfaltet keine einheitliche Funktion oder Wirkung. Vielmehr ergibt sich ein differenziertes Bild, das aus der strukturellen Offenheit des Feldes, der Vielfalt der Angebote und den unterschiedlichen Lebenslagen der Jugendlichen hervorgeht. OKJA ist demnach nicht als spezialisiertes Angebot für bestimmte Zielgruppen zu verstehen, sondern als offenes Handlungsfeld, das auf eine breite Palette jugendlicher Bedürfnisse reagiert.
In diesem Kontext wird OKJA als Möglichkeitsraum beschrieben. Dieser eröffnet Jugendlichen unterschiedliche Zugänge und Nutzungsweisen: Für einige ist er ein Ort der Stabilisierung und Unterstützung, für andere ein sozialer Ankerpunkt, ein Freiraum zur Freizeitgestaltung oder ein Rahmen zur Entwicklung eigener Interessen. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass diese Vielfalt kein Nebeneffekt, sondern grundlegend für das Arbeitsfeld ist.
Eine zentrale Rolle spielt dabei die Beziehungsarbeit. Verlässliche und tragfähige Beziehungen zu Fachkräften sowie innerhalb der Peergroup erweisen sich als entscheidend für die biografische Relevanz der Angebote. In solchen Beziehungskonstellationen entstehen Lern- und Entwicklungsprozesse, die häufig informell verlaufen, jedoch langfristige Wirkungen entfalten können – etwa in Bezug auf Identitätsbildung und die Fähigkeit zur Bewältigung von Herausforderungen.
Theoretisch lässt sich dies mit dem Konzept der Ko-Konstruktion fassen. Wirkung wird nicht als Ergebnis einseitig gesetzter pädagogischer Impulse verstanden, sondern als Prozess, der im Zusammenspiel von Fachkräften und Jugendlichen entsteht. Die Jugendlichen treten dabei nicht nur als Adressat*innen auf, sondern als aktive Mitgestaltende ihrer eigenen Bildungs- und Entwicklungsprozesse.
Die Studie ist kein klassischer Handlungsleitfaden – und genau darin liegt ihre Stärke. Sie verschiebt die Perspektive weg von der Frage, was wirkt, hin zu der Frage, wie Bedeutung entsteht.
Die Studie und ihre Ergebnisse dienen einem vertieften Verständnis von OKJA
Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass sich die Qualität von OKJA nicht an standardisierten Wirkungsmodellen bemessen lässt. Wirkung zeigt sich vielmehr dort, wo Offenheit erhalten bleibt und individuelle Aneignungsprozesse ermöglicht werden. Entscheidend ist nicht die Gleichförmigkeit von Ergebnissen, sondern dass die Angebote und Möglichkeiten zu den unterschiedlichen Lebenslagen der Besuchenden passen.
Die Vielfalt der Nutzungsweisen von Angeboten der OKJA ist daher nicht als Mangel an Profil zu interpretieren, sondern als Ausdruck professioneller Qualität. OKJA erweist sich gerade durch ihre Flexibilität als anschlussfähig für sehr unterschiedliche biografische Konstellationen. Ihre Stärke liegt darin, Entwicklungsräume bereitzustellen, ohne diese vorab festzuschreiben.
Für Fachkräfte bedeutet dies, die eigene Praxis nicht primär an externen Wirkungserwartungen auszurichten, sondern die spezifischen Qualitäten des Feldes – Offenheit, Freiwilligkeit und Beziehungsorientierung – bewusst zu pflegen und zu reflektieren.
Nutzen für die Praxis der OKJA
Für die Praxis entfaltet die Studie mehrere konkrete Anwendungsbezüge. Sie zeigt, dass OKJA anders wirkt, als oft gefordert wird, und liefert überzeugende Argumente dafür, warum diese komplexe und schwer messbare Wirkung dennoch wertvoll ist. Damit bietet sie eine fundierte Grundlage für fachpolitische Argumentationen. Gerade in anhaltenden Legitimationsdebatten ermöglicht sie es, die Wirkung von OKJA differenziert darzustellen – nicht über standardisierte Kennzahlen, sondern über ihre langfristige biografische Bedeutung, etwa anhand von Lebensgeschichten und biografischen Erzählungen.
Darüber kann die Studie als Reflexionsinstrument für die eigene pädagogische Arbeit fungieren. Sie regt dazu an, die Perspektive der Nutzer*innen stärker einzubeziehen und danach zu fragen, welche subjektiven Bedeutungen Angebote tatsächlich entfalten. Dies kann insbesondere in Teamprozessen, in der Supervision oder bei Konzepttagen genutzt werden indem nicht nur Strukturen und Angebote, sondern auch Aneignungsprozesse in den Blick genommen werden.
Auch für die Konzept- und Qualitätsentwicklung liefert die Studie wichtige Impulse. Sie unterstreicht die Notwendigkeit, Offenheit und Flexibilität nicht einzuschränken, sondern gezielt zu gestalten. Einrichtungen können ihre Angebote bewusster als Räume denken, in denen unterschiedliche Entwicklungsverläufe möglich sind. Gleichzeitig wird deutlich, dass Beziehungsarbeit eine zentrale professionelle Kernkompetenz darstellt und entsprechend auch konzeptionell verankert werden sollte.
Ein weiterer praxisrelevanter Aspekt liegt in der Öffentlichkeitsarbeit. Die biografischen Fallstudien bieten anschauliche Zugänge, um die Wirkung von OKJA nachvollziehbar zu machen. Sie ermöglichen es, abstrakte Debatten über Wirkung mit konkreten Lebensgeschichten zu unterlegen und so die gesellschaftliche Bedeutung der Arbeit verständlicher zu kommunizieren.
Nicht zuletzt hat die Studie eine wichtige Funktion für die professionelle Selbstvergewisserung. Sie bestätigt zentrale Prinzipien der OKJA – wie Freiwilligkeit, Partizipation und Offenheit – als wirksam. Für Fachkräfte bedeutet dies eine fachliche Stärkung: Gerade die Prozesse, die sich nicht vollständig planen oder messen lassen, sind es, die nachhaltige biografische Bedeutung entfalten.
Fazit
Die Studie von Prof. Dr. Thomas Meyer und Dr. Sebastian Rahn liefert keine konkreten Zahlen und kein Rezept zur Darstellung von Wirkung in der OKJA, sondern Orientierungswissen. Sie zeigt, dass OKJA ihre Wirkung nicht trotz, sondern aufgrund ihrer Offenheit entfaltet. Für die Praxis bedeutet dies, die eigenen Handlungsspielräume bewusst zu nutzen, Beziehungsarbeit in den Mittelpunkt zu stellen und die Vielfalt jugendlicher Aneignungen als zentrale Ressource zu begreifen.
Damit wird OKJA als das sichtbar, was sie ist: ein unverzichtbarer Bestandteil jugendlicher Lebenswelten und ein Raum, in dem biografisch bedeutsame Entwicklungen möglich werden.
Zu den Autoren des Buches:
Prof. Dr. Thomas Meyer ist für die Professur Praxisforschung in der Sozialen Arbeit an der Fakultät Sozialwesen der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Stuttgart berufen und leitet im Bachelorstudiengang die Studienrichtung Kinder- und Jugendarbeit sowie den Masterstudiengang Planung und Koordination in der Sozialen Arbeit. Schwerpunkte in Forschung und Lehre sind Offene Kinder- und Jugendarbeit, Mobile Jugendarbeit sowie Inklusion und Teilhabe.
Dr. Sebastian Rahn ist als Nachwuchsprofessor für Sozialisation, Erziehung und Bildung über die Lebensalter an der Fakultät für Sozialwissenschaften der htw Saar und bei der Diakonie Saar tätig. Seine Schwerpunkte in Forschung und Lehre sind Kinder- und Jugendarbeit, Schulsozialarbeit sowie Adressat*innenbilder von Fachkräften in der Sozialen Arbeit.







